Eine Entscheidung, die vor den Menschen verborgen wird, die sie zu tragen haben, ist eine Entscheidung, auf die sie eine Antwort geben werden. Lips „480 à dégager“ führte nicht zu stillen Entlassungen, sondern zu einer selbst geführten Fabrik und einem Marsch von 100.000 Menschen; die Geheimhaltung verwandelte eine Umstrukturierung in eine Legende.

Lip geht auf das Comptoir Lipmann zurück, das 1867 von Emmanuel Lipmann in Besançon gegründet wurde; 1931 wurde daraus die Lip S.A. d'Horlogerie. In den 1950er-Jahren war sie die mächtigste Uhrenmanufaktur Frankreichs – 1.500 Beschäftigte, 300.000 Uhren im Jahr. Das Musée du Temps fasst die Stellung so zusammen: der achte Uhrenhersteller der Welt und der erste in Frankreich – 10 Millionen Franzosen besaßen eine Lip.

Am 17. April 1973 trat der Generaldirektor zurück, und das Unternehmen meldete Konkurs an. Im Juni entdeckten die Arbeiter den geheimen Plan – 480 à dégager, 480 abzubauen. In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni versteckten sie einen Bestand von 25.000 Uhren. Am 18. Juni beschloss die Vollversammlung, die Produktion wieder aufzunehmen; die Idee, so zeigt der Historiker Donald Reid, kam über einen Pariser Journalisten und den Dominikaner Jean Raguénès und wurde förmlich vom CGT-Sekretär Claude Mercet eingebracht. Auf dem Transparent stand: C'est possible : on fabrique, on vend, on se paie.

Am 14. August 1973 räumte die CRS auf Anordnung des Innenministers die besetzte Fabrik; am 29. September marschierten rund 100.000 Menschen in Besançon. Die Abkommen vom Januar 1974 nahmen die Fabrik unter neuer Leitung wieder in Betrieb, im Gegenzug für die Rückgabe von 15.000 bis 20.000 Uhren. Die Nachfolgegesellschaft scheiterte erneut: Konkurs im April 1976, eine zweite Besetzung am 5. Mai und am 12. September 1977 die endgültige Liquidation. Im November beschlossen die Arbeiter die Genossenschaft Les Industries de Palente.

Der Slogan überlebte die Fabrik. Er steht als Titel über einem Kapitel von Reids wissenschaftlicher Geschichte; Christian Rouauds Dokumentarfilm Les Lip, l'imagination au pouvoir von 2007 nannte den Streik den symbolträchtigsten Arbeiterkampf nach dem Mai 68; zum 50. Jahrestag zeigte das Musée du Temps LIP.ologie – un conflit social sans équivalent en France. Und der Name tickt in Besançon wieder: Die Wiederbelebung durch SMB verkaufte 2007 1,2 Millionen Uhren mit Lip-Logo – doch wie Charles Piaget warnte: les Lip d'aujourd'hui ne seront plus jamais les Lip d'avant 76.

Sie versteckten 25.000 Uhren, nahmen die Produktion wieder auf und zahlten sich selbst aus, wodurch die Fabrik zu einer selbst geführten Genossenschaft wurde, die zur Legende wurde.

Das Unternehmen plante die Kürzungen im Geheimen; die Arbeiter antworteten, indem sie die Produktion selbst wieder aufnahmen – das Transparent war der Geschäftsplan.

Jede Rettung war politisch, nicht kommerziell: Die Abkommen tauschten Uhren gegen Arbeitsplätze, und die Nachfolgegesellschaft scheiterte innerhalb von zwei Jahren.

Die Räumung machte den Slogan unsterblich: die CRS vom 14. August und der Marsch von 100.000 Menschen im September verwandelten einen Konkurs in eine Legende.

Wenn der Plan der Geschäftsleitung geheim ist, wird der Plan der Arbeiter zur Geschichte. Lips „on fabrique, on vend, on se paie“ wurde im Juni 1973 auf ein Transparent geschrieben und steht noch fünfzig Jahre später über Büchern und Ausstellungen

DEN BELEGEN FOLGEN

Die Quellen

  1. Wikipédia (fr) — Affaire Lip (17 April 1973: Jacques Saint-Esprit resigns, SA Lip files for bankruptcy; night of 12-13 June: stock of 25,000 watches hidden; 18 June 1973 slogan 'C'est possible : on fabrique, on vend, on se paie'; secret plan '480 à dégager'; 14 August: CRS invest the factory on the interior minister's order; 29 September: nearly 100,000 marchers; accords return 15,000 to 20,000 watches; 5 May 1976 second occupation; 12 September 1977 final liquidation) fr.wikipedia.org
  2. Wikipédia (fr) — Lip (1867 Emmanuel Lipmann, Comptoir Lipmann; 1931 Lip S.A. d'Horlogerie; liquidated 12 September 1977 for lack of a buyer; 1984 Les Industries de Palente sold to SMH-Kiplé; 1990 Jean-Claude Sensemat outbids Cartier; 2002 MGH licence; SMB buys the brand; 2007: 1.2 million Lip-logo watches sold; 2023 revenue 25.4 million euros) fr.wikipedia.org
  3. Donald Reid, L'affaire Lip 1968-1981, ch. 'On fabrique, on vend, on se paie' (PUR, OpenEdition: 18 June AG — Claude Mercet, secrétaire général CGT-Lip, proposed restarting assembly for a 'salaire de survie'; the idea catalysed by a Politique Hebdo journalist with Jean Raguénès; 'Il a fallu l'intervention d'une personne extérieure au groupe pour que le tilt apparaisse'; 500-600 watches a day end of June, 800-1,000 early August; over 40,000 sold by early August, 70,000 by October) books.openedition.org
  4. Musée du Temps, Besançon — LIP.ologie (exhibition Nov 2023 – Sept 2024: 'Lip était alors la 8e entreprise horlogère mondiale et la 1ère française : 10 millions de Français possédaient une Lip'; 'En 2023, 50 ans après un conflit social sans équivalent en France, les commémorations se succèdent') mdt.besancon.fr
  5. Wikipédia (fr) — Les Lip, l'imagination au pouvoir (documentary by Christian Rouaud, France 21 March 2007, 118 min, Les Films d'Ici — 'la grève ouvrière la plus emblématique de l'après Mai 68') fr.wikipedia.org
  6. SMB Horlogerie — 25 ans après la renaissance de Lip à Besançon (10 May 2015: 1950s — 1,500 employees, 300,000 watches a year; Philippe Bérard's SMB, founded 1978, brings Lip home on a 10-year MGH licence; Charles Piaget: 'les Lip d'aujourd'hui ne seront plus jamais les Lip d'avant 76') smb-horlogerie.fr